Frau hält sich die Ohren, Tonspur und Ohrpiktogramm mit Tinnitus Schriftzug vor schwarzem Hintergrund.

Chro­ni­scher Tin­ni­tus – Hohe Lebens­qua­li­tät trotz Ohrgeräuschen

Von Isa­bel Micha­el 07.02.2022, 18:35 Uhr, ntv.de

Im Akut­sta­di­um las­sen sich quä­len­de Ohr­ge­räu­sche oft noch gut behan­deln, sodass eini­ge Pati­en­ten sie sogar wie­der los­wer­den. Dau­ert ein Tin­ni­tus aber län­ger als drei Mona­te an, wird er chro­nisch. Mit eini­gen Metho­den kön­nen sich Betrof­fe­ne den­noch beschwer­de­frei fühlen.

Klin­geln, Pie­pen, Ras­seln, Zischen, Brum­men oder Rau­schen: Ohr­ge­räu­sche ken­nen fast alle Men­schen. Meist ver­schwin­den sie inner­halb von ein paar Stun­den oder Tagen wie­der. Ist das nicht der Fall, soll­te man einen Arzt auf­su­chen. In der Akut­the­ra­pie kommt dann häu­fig Kor­ti­son als Tablet­te oder Infu­si­on zum Einsatz.

Manch­mal rei­chen die Behand­lun­gen in den ers­ten drei Mona­ten aber nicht aus, um den Tin­ni­tus ver­schwin­den zu las­sen. Er wird dann chro­nisch. Der andau­ern­de Lärm im Ohr führt bei nicht weni­gen Pati­en­ten sogar zu regel­rech­ten Depres­sio­nen und ande­ren psy­chi­schen Erkrankungen.

Die Ent­ste­hung von Tinnitus

Bei Tin­ni­tus neh­men die Betrof­fe­nen Geräu­sche wahr, die nicht durch die Umwelt aus­ge­löst wer­den. Nur sel­ten han­delt es sich um einen objek­ti­ven Tin­ni­tus, der auch von außen zu hören ist. Aus­ge­löst wird ein Tin­ni­tus häu­fig durch Schä­den oder Erkran­kun­gen der Ohren wie bei­spiels­wei­se eine Mit­tel­ohr­ent­zün­dung, einen Hör­sturz oder ein Lärm­t­rau­ma. Aber auch Herz-Kreis­lauf­erkran­kun­gen, Hals­wir­bel­säu­len­stö­run­gen, psy­chi­sche Pro­ble­me wie Depres­sio­nen oder inter­nis­ti­sche Krank­hei­ten (zum Bei­spiel ein schlecht ein­ge­stell­ter Dia­be­tes) kön­nen zu Tin­ni­tus füh­ren. Manch­mal bleibt die Ursa­che auch unklar.

Fakt ist aller­dings, dass über 90 Pro­zent aller Fäl­le von Tin­ni­tus mit einem mehr oder weni­ger star­ken Hör­ver­lust ein­her­ge­hen. Die feh­len­den Fre­quen­zen wer­den dann im Hör­zen­trum des Gehirns durch Ver­stär­kungs­me­cha­nis­men ver­sucht aus­zu­glei­chen, wobei es zu den Ohr­ge­räu­schen kommt. “Auf dem Weg zum Gehirn sind Zwi­schen­sta­tio­nen der Gefühls­ebe­ne zuge­schal­tet wie das lim­bi­sche Sys­tem. Dadurch erfährt das Geräusch eine Bewer­tung. In der Regel wird es nega­tiv bewer­tet und dar­aus ent­steht dann der Lei­dens­druck”, erklärt die Direk­to­rin des Tin­ni­tus­zen­trums und Vor­stands­vor­sit­zen­de der Deut­schen Stif­tung Tin­ni­tus und Hören Cha­ri­té, Prof. Dr. med. Bir­git Mazu­rek, im Inter­view mit ntv.de.

Lei­dens­druck, der ver­meid­bar ist

Rund 1,5 Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land haben einen chro­ni­schen Tin­ni­tus. Die meis­ten von ihnen füh­len sich durch die Ohr­ge­räu­sche nicht in ihrer Lebens­qua­li­tät ein­ge­schränkt, aller­dings lei­den 8 bis 13 Pro­zent stark dar­un­ter. “Die Pati­en­ten haben einen sehr hohen Lei­dens­druck. Das Hören und die Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit sind redu­ziert, die Pati­en­ten schla­fen schlech­ter und haben mehr Ängs­te. Es kann auch zu Depres­sio­nen kom­men”, sagt Mazurek.

Inwie­fern also ein Tin­ni­tus über­haupt wahr­ge­nom­men und als belas­tend emp­fun­den wird, hängt auch von der psy­chi­schen Sta­bi­li­tät eines Men­schen ab: “Kommt zu einer Hör­min­de­rung eine aku­te Stress­si­tua­ti­on dazu, wie ein Job­ver­lust, dann wer­den die­se Mecha­nis­men ange­schal­tet und auf ein­mal wer­den Ohr­ge­räu­sche wahr­ge­nom­men”, erklärt sie weiter.

Beson­ders der Umgang mit dem Tin­ni­tus, wenn er denn schon ein­mal da ist, spielt daher eine ent­schei­den­de Rol­le dafür, inwie­fern er am Ende tat­säch­lich eine Belas­tung dar­stellt: “Stellt der Pati­ent Ohr­ge­räu­sche bei sich fest, kann er dar­über hin­weg­hö­ren. Dann ver­schwin­det der Tin­ni­tus wie­der. Gibt der Betrof­fe­ne dem Tin­ni­tus aber sei­ne Auf­merk­sam­keit und hört immer mehr in sich rein, wer­den die Ohr­ge­räu­sche ver­stärkt wahr­ge­nom­men, weil es zu einer Abschwel­lung des lim­bi­schen Sys­tems kommt”, betont die Ärz­tin. Die­ser Mecha­nis­mus erin­nert an das Phä­no­men des soge­nann­ten Phantomschmerzes.

Was wirk­lich bei chro­ni­schem Tin­ni­tus hilft

Ganz los wird man die Ohr­ge­räu­sche nicht mehr, wenn sie schon meh­re­re Mona­te bestehen, sagt Mazu­rek: “Im chro­ni­schen Sta­di­um bleibt das Ohr­ge­räusch bestehen und wird auch nicht lei­ser. Man kann sich dar­an gewöh­nen und es in den Hin­ter­grund drän­gen, um den Tin­ni­tus weni­ger wahr­zu­neh­men. Es geht nicht mehr um die Hei­lung, son­dern dar­um, bes­ser damit zu leben”. Ledig­lich bei einem Hör­ver­lust kann es sich loh­nen, mit einem Hör­ge­rät zu arbei­ten. “Wenn die Pati­en­ten dadurch wie­der bes­ser hören, kön­nen sie auch bes­ser über das Ohr­ge­räusch weg­hö­ren, sodass auch kogni­ti­ve Defi­zi­te ver­bes­sert wer­den. Wenn eine Taub­heit vor­liegt und der Hör­nerv funk­tio­niert, kann man über ein Implan­tat nach­den­ken. Das ist eine beson­de­re Form der Sti­mu­lie­rung der Hör­nerven”, sagt die Tinnitus-Expertin.

Die ers­te Wahl bei einem chro­ni­schen Tin­ni­tus ist die Ver­hal­tens­the­ra­pie in Ein­zel- oder Grup­pen­sit­zun­gen, für die es bereits vie­le wis­sen­schaft­li­che Bele­ge gibt. Die­se kann bei einem Psy­cho­the­ra­peu­ten oder in einem spe­zi­el­len Tin­ni­tus­zen­trum erfol­gen. Das Ziel ist es dabei, Stra­te­gien im Umgang mit dem Tin­ni­tus zu erler­nen, sodass er als weni­ger belas­tend emp­fun­den wird. “Die Ohr­ge­räu­sche sind am Ende immer noch so laut wie vor­her, aber die Pati­en­ten neh­men sie anders wahr. Sie mer­ken den Tin­ni­tus weni­ger oder gar nicht mehr, weil sie ihn mehr akzep­tiert haben”, erklärt Mazu­rek. Auch psy­chi­sche Beglei­ter­kran­kun­gen wie Ängs­te und Depres­sio­nen, die häu­fig auf­grund der belas­ten­den Ohr­ge­räu­sche auf­tre­ten, kön­nen im Rah­men einer Psy­cho­the­ra­pie effek­tiv behan­delt wer­den. Hier kön­nen dann auch Medi­ka­men­te wie Psy­cho­phar­ma­ka gute Diens­te leisten.

Die Tin­ni­tus-Retrai­ning­the­ra­pie und die Tin­ni­tus-Bewäl­ti­gungs­the­ra­pie (TBT) hel­fen laut der Pati­en­ten­leit­li­nie “chro­ni­scher Tin­ni­tus” erst nach län­ger­fris­ti­gem Ein­satz eini­gen Betrof­fe­nen zum bes­se­ren Umgang mit dem Tin­ni­tus. Ein Rausch­ge­rät (Noi­ser) wird dabei nach aktu­el­len wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en nicht benö­tigt. Wer unter Tin­ni­tus infol­ge von Pro­ble­men mit der Hals­wir­bel­säu­le oder der Kie­fer- und Kau­mus­ku­la­tur lei­det, dem hilft even­tu­ell eine phy­sio­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung. Vie­le Pati­en­ten pro­fi­tie­ren außer­dem von Selbst­hil­fe­grup­pen. Ent­span­nungs­übun­gen hel­fen dabei, Stress zu ver­mei­den oder zu ver­rin­gern, was wie­der­um posi­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf den Tin­ni­tus hat. Alle ande­ren The­ra­pie­me­tho­den wie bei­spiels­wei­se die Behand­lung mit Kor­ti­son und Gink­go Bil­boa wir­ken Mazu­rek zufol­ge im chro­ni­schen Sta­di­um nicht bes­ser als eine Placebo-Behandlung.

Quel­le:

https://www.n-tv.de/leben/Hohe-Lebensqualitaet-trotz-Ohrgeraeuschen-article23100303.html

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